Spiegel (Fortsetzung Teil 2)
Ende des
15. Jahrhunderts trat in der Spiegelmacherei eine entscheidende
technische Wende ein, die die Metallspiegel verdrängte.
Das Belegen mit Quecksilber bzw. mit Zinnamalgan wurde entdeckt.
Zu dieser Zeit gelang den Glasbläsern von Murano und Venedig
die Herstellung von Kristallglas und das Glasblasen in zylindrischer
Form. Die neuen Verfahren veränderten die Spiegelfabrikation
von Grund auf. Die Spiegel aus Edelmetallen verschwanden. Die
Glasmanufakturen von Murano erhielten eine Monopolstellung,
die sie bis ins 17. Jahrhundert bewahrten. Dazu gehörte
die sorgfältige Geheimhaltung der Herstellungsverfahren.
Venedig deckte lange Zeit fast den gesamten europäischen
Spiegelbedarf.
Der Bedarf
wuchs beständig, da sich durch die technischen Neuerungen
neue und dekorative Möglichkeiten eröffneten. Was
zuvor in handlichem Format auf Tisch und Kommode Platz fand,
mauserte sich nun dank wachsender Dimensionen zum prächtigen
Wandschmuck. Damit änderten sich die Formen der Spiegel,
ihre Rahmen und Verzierungen.
Nach der über
hundert Jahre dauernden Monopolstellung Muranos in der Spiegelproduktion
regte sich die europäische Konkurrenz. In den Niederlanden,
in Sachsen und Nürnberg entstanden Spiegelwerkstätten,
die jedoch überwiegend Filialen Venedigs waren. 1618 errichtete
man in England die ersten unabhängigen Spiegelmanufakturen.
Der Begründer, Sir Robert Mansell, warb verbannte Venezianer
als Fachleute an. Der wirtschaftliche Erfolg trat erst mit
der Gründung der Werkstätten von Vauxhall im Jahre
1663 ein. Abgesehen von einzelnen Versuchen im 16. Jahrhundert,
fällt der Anfang der Spiegelherstellung in Frankreich
in das Jahr 1665. Dem Minister Colbert gelang es so, die Verluste
einzudämmen, die der französischen Wirtschaft durch
die höfischen Spiegeleinkäufe in Venedig entstanden.
Auf seine Anregung hin nahm im Faubourg Saint-Antoine eine
Spiegelbläserei die Tätigkeit mit 200 Arbeitern auf.
1670 entwickelte eine zweite Fabrik in Tourlaville ein neues
Verfahren in der Spiegelglasherstellung. Die Tafeln wurden
hier gegossen. Dies führte zu weiteren Verbesserungen
in der Spiegelglastechnik. Von da an konnten grössere
Spiegelplatten hergestellt werden. In Versailles entstand 1678-84
die grosse Spiegelgalerie als prunkvolles Beispiel barocker
Spiegelleidenschaft. In Deutschland entstanden als Ausdruck
dieser Passion in den Schlössern zahlreiche Spiegelkabinette.
Die Spiegel waren fester Bestandteil der Wand. Sie warfen besonders
bei Kerzenbeleuchtung das Bild des Innenraums in vielfacher
Brechung zurück. Sie waren optische Illusion und Verzauberung
zugleich. Für eine festliche Gesellschaft, die sich in
ganzer Grösse beständig gespiegelt sah, muss es ein
erhebendes Gefühl gewesen sein - das Geniessen und die
Bestätigung der eigenen Person in spielerischer, ästhetisch
reizvoller Umgebung.
zurück | weiter |
|